Bericht in der
Saarbrücker Zeitung vom 29.01.2005
Verurteilt Zur
Untätigkeit
VON SZ-MITARBEITERIN KATHRIN WERNO
Die saarländische Flüchtlingsinitiative Sepa hat ein Weißbuch
zur Lage der Flüchtlinge und Asylbewerber herausgegeben. Danach
leiden die Flüchtlinge unter Passivität und Lagerkoller.
Saarbrücken.
Rund 3600 Flüchtlinge und Asylbewerber leben zurzeit im Saarland.
Eine Bestandsaufnahme ihrer Lebenssituation umfasst das so genannte
Weißbuch, das am Freitag für 2004 vorgestellt wurde. Die
Erarbeitung des Weißbuchs ist ein Teilprojekt der Saarländischen
Entwicklungspartnerschaft für Flüchtlinge und Asylbewerber
(Sepa). Die Sepa, ein EU-Projekt, arbeitet seit 2002 daran, die Situation
von Asylbewerbern zu verbessern. Als Netzwerk verschiedener Institutionen
sorgt sie für berufliche Qualifizierung und bietet traumatisierten
Flüchtlingen psychologische Betreuung an. Sepa wurde gegründet
von Rotem Kreuz, Caritas, Awo und Katholischer Erwachsenenbildung. Das
Weißbuch, das von der Saarbrücker Firma Isoplan Consult erstellt
wurde, umfasst auf rund 190 Seiten neben einer statistischen Analyse
das Ergebnis von rund 90 Gesprächen mit Menschen, die mit Flüchtlingen
arbeiten, und rund 90 Gesprächen mit den Betroffenen, die über
ihre Lebensumstände, ihre Integration und ihre gesundheitliche,
sprachliche, schulische oder berufliche Situation Auskunft gaben. "Das
Weißbuch ist der Versuch einer objektiven Darstellung, auf deren
Basis Leitlinien für eine Flüchtlingspolitik entstehen könnten",
erhoffen sich die Autoren Eckehart Schmidt-Fink und Vanessa Franz. Rund
1600 Asylbewerber sind in der Landesunterkunft in Lebach untergebracht,
rund 2000 dezentral im ganzen Saarland. Die Hauptherkunftsländer
der Bewohner in Lebach sind das ehemalige Jugoslawien (25 Prozent),
die Türkei (18 Prozent) und China (neun Prozent). Während
1995 noch 1943 Flüchtlinge ins Saarland kamen, waren es 2003 nur
887. Die Zahl der Abschiebungen ist nach einem Rückgang von 2000
bis 2002 im Jahr 2003 wieder leicht angestiegen. 303 Asylbewerber und
106 weitere Ausländer wurden 2003 abgeschoben. Zehn Personen wurden
als asylberechtigt anerkannt. "Es besteht kaum die Chance, wirklich
Asyl zu bekommen", erklärt Schmidt-Fink. "Oft verbringen
die Flüchtlinge die beste Zeit ihres Lebens in völliger Untätigkeit",
so der Autor. Viele Asylbewerber litten unter dieser zwangsläufigen
Passivität und Ungewissheit ihrer Zukunft, wie auch unter der räumlichen
Enge in der Unterkunft (pro Kopf stehen vier Quadratmeter zur Verfügung).
Diese Unterbringung sei nur als Provisorium für drei Monate gedacht.
Viele lebten hier jedoch Jahre. Starke Kritik übten die Flüchtlinge
an den Essenspaketen, die neben einem Taschengeld von 40 Euro abgegeben
werden. Das Weißbuch hat auch die Bildung und Qualifikation von
Asylbewerbern zum Thema. Das Weißbuch stehe in Kürze auf
www.equal-sepa.de zur Einsicht bereit, hieß es.
Flüchtlingen
Chancen geben.
VON SZ-REDAKTEUR
VOLKER MEYER ZU TITTINGDORF
Die Tür ist
fast zugeschlagen. Flüchtlinge haben in Deutschland kaum eine Chance,
als Asylbewerber anerkannt zu werden. Nur zehn haben im Jahr 2003 das
fast Unmögliche geschafft. Es stünde Deutschland gut an -
nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Nazi-Verbrechen, derer wir in
diesen Tagen besonders gedenken - großzügiger als zurzeit
politisch Verfolgten ein zumindest vorübergehendes Zuhause zu geben.
Auf jeden Fall müssen aber die Menschen, die hierzulande nur geduldet,
aber nicht als politisch Verfolgte anerkannt werden, eine Chance haben,
sich beruflich zu qualifizieren und zu arbeiten. Jahrelang zur Untätigkeit
verurteilt zu sein, ist menschenunwürdig.
Leserbrief in
der SZ vom 12/13-02-2005
Fünf Millionen
zur Untätigkeit verurteilt
Zum Artikel "Verurteilt zur Untätigkeit" (29. Januar)
und zu anderen Texten
Was soll der Quatsch von den zur Untätigkeit verurteilten Flüchtlingen
und Asylbewerbern? In Deutschland sind, wie wir es nun amtlich wissen,
weit mehr als fünf Millionen Deutsche zur Untätigkeit verurteilt,
viele davon schon seit vielen Jahren. Dieser Zustand wird sich sobald
auch nicht ändern, vermutlich nie mehr, unter den grünen Industrie-
und Wirtschaftsfeinden und den roten Umverteilungsspezialisten schon
gar nicht. Der so sehr bedauer-te Zustand für die Flüchtlinge
und Asylbewerber ist dagegen einfach und schnell zu beheben. Nicht zuletzt
durch eine unverzügliche Abschiebung. Den Gutmenschen von der "Entwicklungsgemeinschaft"
ist nahe zu legen, einmal darüber nachzudenken, dass die Milliarden
Euro für Flüchtlinge und Asylanten vom Steuerzahler erst erarbeitet
werden müssen und nicht vom Himmel fallen. Der deutsche Steuerzahler
ist aber nicht verpflichtet und auch nicht in der Lage, alle Unzulänglichkeiten,
alle Ungerechtigkeiten und alles Elend dieser Welt zu beheben. Die geäußerte
Meinung von Volker Meyer zu Tittingdorf gehört zur Kategorie Bla-Bla
- ohne jegliche Substanz und absolut realitätsfern.
Dietmar Brox,
Namborn
Volker Meyer
zu Tittingdorf, Redakteur der Saarbrücker Zeitung, meint dazu:
Sehr geehrter Herr
Brox,
Deutschland ist in der Tat nicht m der Lage, alles Elend dieser Welt
zu beheben, aber doch sehr wohl fähig und moralisch verpflichtet,
Not lindern zu helfen. Dazu gehört auch, Flüchtlingen, die
in ihrer Heimat verfolgt sind und sie deshalb verlassen mussten, ein
Zuhause zu geben. Und zwar so vielen wie nur irgend möglich. Dies
ist nicht nur eine Frage des Geldes, sondern auch der Of-fenheit der
Gesellschaft für Fremde. Zurzeit sind die Gesetze äußerst
scharf, die regeln, wie viele Menschen hier Zuflucht finden. Eines ist
aber klar: Eine Abschiebung aller Flüchtlinge wäre eine Bankrotterklärung
der deutschen Gesellschaft, ein Verrat an den Grundsätzen der Verfassung,
eine Missachtung christlicher Tradition - kurz gesagt: unmenschlich.
Ihr Volker Meyer zu Titting-dorf